Thief: Fertiggespielt und mein Fazit

Ich warte im Schatten und spähe um die Ecke. Die Wache biegt um die nächste Ecke außer Sichtweite. Ich husche über sie Straße, klettere über mehrere Kisten auf einen kleinen Balkon. Jetzt öffne ich nur noch schnell das Fenster, schlüpfe leise in die dunkle Wohnung und bin am Zielort meines Auftrags. Der soll schon einem Dieb vor mir das Leben gekostet habe und tatsächlich sehe ich den armen Kerl tot in der Ecke liegen.
Vorsichtig taste ich mich deshalb durch das Zimmer und entdecke bald ein Bild, hinter dem sich ein Safe befinden muss. Herausragende Drähte lassen aber auch auf eine tödliche Falle schließen. Aufmerksam sehe ich mich um, entdecke einen Sicherungskasten und die Falle ist mit einem kurzen Schnitt meines Drahtschneiders entschärft. Jetzt zurück zum Safe. Langsam gleiten meine Finger über den Rahmen, ertasten die kleinen Hebel und das Bild schiebt sich zur Seite. Nur noch ein Ruck an der Safetür und ich kann das Beutestück meinem Auftraggeber zurückbringen.

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Mittlerweile habe ich viele Kritiken von Thief gelesen und ich habe fast den Eindruck, dass sich die Geister bei kaum einem Spiel so uneinig waren. Viele reden vom größten Schrott, den sie je gespielt haben, motzen an allem herum, vergleichen viel mit Dishonored (das im Übrigen auch seine Schwächen hatte), andere fühlen sich trotz der Unzulänglichkeiten gut aufgehoben und schleichen sich mit Garrett begeistert durch Stonemarket. Ich gehöre übrigens zur zweiten Kategorie :-)

Garrett ist kein Held und ganz sicher kein Robin Hood, der für die Armen und Bedürftigen stiehlt. Er stiehlt, weil er es kann und weil es sein Lebensinhalt ist. Das gibt es auch offen zu und wenn er etwas für andere erledigen soll, dann nur gegen Bezahlung. Basta! Und das macht ihn gerade so sympathisch. Kein Feilschen, keine falschen Erwartungen wecken, nur Bares ist Wahres.
Für seine Freunde begibt er sich dann aber doch in Lebensgefahr. Anscheinend bedeuten ihm einige Menschen doch etwas, obwohl er ein ziemlicher Einzelgänger ist.

Thief ist sicher kein perfektes Spiel. Irgendwie merkt man ihm an, dass es gleichzeitig mehrere Zielgruppen ansprechen wollte. Trotzdem mag ich es irgendwie und da die Perlen auf dem Schleichspiel-Markt ja sowieso ziemlich rar sind, kann ich gut mit den Unzulänglichkeiten leben. Thief-Fans empfehle ich, nahezu den ganzen HUD und unbedingt den Fokus zu deaktivieren. Wenn man dann noch auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad spielt, hat man jede Menge Spaß.

Und hier kommt jetzt meine absolut subjektive Betrachtung. Ich habe mir jetzt ein ausführlicheres Bewertungssystem überlegt, damit ich nichts vergesse. Dabei habe ich mich an gängige Bewertungssysteme angelehnt.

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Story (9/10)

Die Story könnte nach meinem Geschmack etwas mehr Tiefe haben. Garrett fehlt schließlich ein Jahr in seinem Gedächtnis und er versucht während des gesamten Spiels kaum, daran etwas zu ändern. Hier hätte ich mir noch ein paar Storyelemente gewünscht, die Licht ins Dunkel bringen.

Allerdings ist für mich die Story, das muss ich zu meiner Schande gestehen,  in den meisten Spielen sowieso Nebensache. Oft kann ich mir die Verstrickungen und Verschwörungstheorien, die sie die Spielemacher da ausdenken, im Eifer des Gefechts sowieso nicht merken. Da kommt mir eine einfach gestrickte und geradlinige Handlung eher entgegen.

Es geht hier für mich mehr um den Nervenkitzel, wie ich es schaffe, mich an meinen Gegnern vorbeizuschleichen, denen ich kräftemäßig haushoch unterlegen bin, um ungesehen alle Preziosen aus Schubladen, Tresoren und Schränken zu klauen. Ein Spiel für Kleptomanen sozusagen. Was interessiert uns denn da die Story … alles nur Ablenkung :-)

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Handlung (7/10)

Alles in allem ist die Handlung vorhersehbar, trotzdem gibt es ein paar überraschende Wendungen. Ich hätte mir aber noch ein paar zusätzliche Herausforderungen gewünscht, da vieles doch immer den gleichen Ablauf hatte. Schlösserknacken oder Fensteraufhebeln war nach dem 20. Mal doch eher öde … und warum bleiben eigentlich die blöden Fenster nicht einfach offen stehen.

Natürlich gibt es immer wieder Fallen zu entschärfen, Wege in Gebäude zu suchen, Wachen zu überlisten und kleinere Rätsel zu lösen. Die Rätsel hätten aber nach meinem Geschmack etwas kniffliger und vor allem mehr sein dürfen.

Atmosphäre (10/10)

Für mich wird die bedrückende Stimmung in der von Krankheit gezeichneten und unterdrückten Stadt gut getroffen. Und obwohl ich keine Vergleiche mit Dishonored aufstellen wollte, fallen Ähnlichkeiten sofort ins Auge.

Besonders schön gelungen finde ich die Spielmechanik, obwohl es hier auch viel Kritik gehagelt hat. Nach einiger Übung hat man heraus, an welchen Stellen man klettern oder springen kann, wo es sich gut von Schatten zu Schatten huschen lässt und welche Stellen die beste Deckung bieten.

Die Bewegungen der Spielfigur sind super umgesetzt und wenn man schneller unterwegs ist, springt und rutscht Garrett ziemlich realistisch über Brüstungen und Dächer.

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Grafik (9/10)

Die Grafik finde ich sehr gelungen. Das Spiel mit Licht und Schatten, das ja Grundlage eines jeden Schleichspiels ist, wurde schön in Szene gesetzt. Feuer, Wasser, Rauch und viele weitere Effekte kamen realitätsnah rüber. Vielen Texturen sah man an, dass sie mit Liebe zum Detail ausgearbeitet wurden.

Weiter entfernte Objekte oder Gebäude wurden aber manchmal nur ungenau dargestellt. Manchmal erschienen auch Blutlachen oder andere Texturen auf dem Boden erst, wenn man näher kam. Feature oder Bug?

Sound  (6/10)

Puh, das war für mich das größte Manko im Spiel. Normalerweise kann man an der Lautstärke der Stimmen ja erkennen, wie weit ein Gegner noch entfernt ist. Auch ändert sich oft der Hintergrundsound, wenn jemand sich nähert. Aber nicht hier in diesem Spiel. Hier gab es nur einen losen bis gar keinen Zusammenhang zwischen Spiel und Soundeffekten. Das hat jetzt nicht wirklich beim Spielen unterstützt sondern teilweise richtig irritiert.

Dafür haben sie mal einen sympathischen Sprecher für Garrett ausgewählt. Leider war die Stimme manchmal, weil schlecht abgemischt, kaum aus dem Hintergrundsound herauszuhören.

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Einstellmöglichkeiten und Bedienung (10/10)

Hier kann sich wirklich jeder austoben. Grundsätzlich gibt es drei Schwierigkeitsgrade, die sich aber noch durch viele zusätzliche Einstellmöglichkeiten verschärfen lassen. Dies sollte man auch nutzen, wenn man eine richtige Herausforderung haben möchte.

Leider ist für einen geübten Stealthy nämlich auch der höchste Schwierigkeitsgrad „Master“ nicht wirklich eine Challenge. Ich musste nämlich feststellen, dass mir das Spiel am Anfang auch zu weichgespült war. Man hat sich ja vor lauter Hinweisen und blinkenden und leuchtenden Gegenständen, Schaltern und Anzeigen kaum retten können. Habe dann Mitte des zweiten Kapitels noch einmal neu angefangen. Ich spiele jetzt mit Schwierigkeitsgrad Meister und habe auch fast alle HUD-Anzeigen ausgeschaltet. Der Fokus war sowieso ein No-Go. Ich denke, ich habe jetzt meinen Schwierigkeitsgrad für den ersten Durchgang gefunden.

Automatische Speicherung, manuelle Speicherung oder Schnellspeichern … alles da. Allerdings hatte ich manchmal das dumpfe Gefühl, dass die Wachen nach einem Reload woanders stehen als beim Speichern. Das kann aber auch Einbildung sein.

Das Inventar ist übersichtlich gestaltet und die einzelnen Gegenstände schnell ausgewählt. Hier gab’s nicht zu Meckern. Offensichtlich hat man beim Spielen mit Tastatur dabei ein hässliches Kacheldesign. Das Controllermenü war allerdings für mich ok.

Gesammelte Dokumente lassen sich ebenfalls schnell wieder auffinden, da nach Kapiteln sortiert. Das ist z.B. wichtig, wenn man mal schnell eine Safekombination nachsehen muss.

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Spielumfang (10/10)

Mit 8 Kapiteln die ich jeweils in ca. 1 bis 2 Stunden, je nach Anzahl der zu umgehenden Wachen, durchgespielt habe, ist das Hauptspiel jetzt nicht übermäßig lang. Allerdings habe ich auch nicht jede Ecke nach verborgenen Schätzen und Sammelobjekten abgesucht. Dann kann man sich natürlich hier noch viel länger austoben. Schön finde ich auch, dass man einzelne Kapitel später noch einmal spielen kann.

Viel Zeit habe ich dann noch mit den Nebenmissionen verbracht. Hier gibt es wirklich noch einmal viel zu tun und man kann sich zwischen den Hauptmissionen noch ein paar Goldstücke dazuverdienen. Außerdem bieten sie teilweise schöne Rätsel oder schwierige Wege in ein Gebäude. Ich kann nur empfehlen, ein paar davon auszuprobieren. Besonders die Aufträge von Ector und Vittori bieten jede Menge zusätzlichen Spielspaß.

Für mich ist der Umfang damit ideal. Bei Spielen, bei denen ich 60 oder 70 Stunden damit beschäftigt bin, Zeug zu sammeln oder irgendwelche Aufgaben zu erledigen (siehe Assassin’s Creed III oder IV), versuche ich dann irgendwann nur noch die Hauptmission fertigzubekommen und höre erschöpft auf.

Leveldesign (8/10)

Thief ist zwar kein Open-World-Spiel, aber bietet dennoch viele Freiheitsgrade und Lösungsansätze für verschiedene Aufgaben. Es gibt oft mehrere Wege in ein Gebäude oder auch verschiedene Möglichkeiten Wachen abzulenken. Hier ist teilweise längeres Experimentieren gefragt. Manchmal hätte ich mir allerdings noch zusätzliche alternative Wege gewünscht.

Ich kann auch ohne einen einzigen Gegner zu alarmieren durch einen Level schleichen. Ich muss dazu eben nur den geeigneten Weg auskundschaften. Und genau so möchte ich ein Schleichspiel haben. Bestimmte Waffen habe ich deshalb im ganzen Spiel nicht einsetzen müssen.

Auch schön:  Am Ende jeden Kapitels bekommt man eine schöne oder auch peinliche Zusammenfassung, wie viel Beute man liegen gelassen, wie vielen Gegnern man eins über die Rübe gegeben, wie viele Schlösser man geknackt hat und vieles mehr.  Je nach Vorgehensweise kann man sich in einem Kapitel im Spielstil Phantom, Opportunist oder Jäger beweisen, je nachdem ob man sich eben durchschleicht oder sich wie die wilde Sau aufführt. Auch hier bekommt man angezeigt, wie man das Kapitel absolviert hat.

Ich mag solche Statistiken. Woher sollte ich sonst wissen, ob es sich lohnt, ein Kapitel noch einmal zu spielen.

Wie immer habe ich zu spät festgestellt, dass es auch noch optionale Nebenziele in jedem Kapitel oder Kundenauftrag gibt. Ich spiele deshalb jetzt einzelne Kapitel noch einmal und versuche meinen Phatomanteil zu erhöhen und auch die Nebenziele zu erreichen.

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Sonstige Ausrüstung (10/10)

Fokus habe ich gar nicht verwendet, Leder- oder Bogenupgrades habe ich ebenfalls nicht gebraucht. Die Seilpfeile fand ich allerdings cool und habe deshalb immer ein paar mit mir rumgeschleppt. Die sind auch sehr hilfreich um sich über den Köpfen der Wache irgendwie ungesehen vorbeizumogeln.

Wasserpfeile hätte ich manchmal gerne verwendet, aber da gibt’s oft Punktabzug, wenn man im Phantomstil durch den Level kommen möchte. Deshalb habe ich meistens, wirklich schweren Herzens,  darauf verzichtet.

Dann noch ein paar stumpfe Pfeile zur Ablenkung oder um Flaschenzüge in Bewegung zu setzen sowie ein paar Erstickungspfeile (zur Sicherheit) und meine Ausrüstung ist komplett.

Wer’s aber dramatischer mag, kann hier aber auch aus dem Vollen schöpfen.

KI der Gegner (8/10)

Zumindest auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad waren die Gegner äußerst aufmerksam und sollten nicht unterschätzt werden. Ich konnte mich nicht immer darauf verlassen, dass ein Schatten auch 100% Schutz bietet.

Auch Ablenkungsmanöver sollte man gut planen, da die Gegner sonst unter Umständen anfangen nach einem zu suchen statt abgelenkt zu werden.

Zusätzlich zu menschlichen Gegnern hat man es auch noch mit Hunden und Vögeln zu tun. Besonders Hunde reagieren sofort, wenn man auch nur die Nasenspitze aus der Deckung streckt.

Punktabzug gibt’s hier nur, weil die Gegner nicht klettern können und Gebäude eigentlich fast immer menschenleer sind.

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Mein Fazit: 87 von 100 Punkten

Ich finde das Spiel trotz ein paar Schwächen gut gemacht und mit den richtigen Einstellungen auch herausfordernd. Mir hat es auf jeden Fall viel Spaß gemacht und ich werde sicher das eine oder andere Kapitel noch einmal spielen. Mit den richtigen Einstellungen ist das Spiel herausfordernd und man hat auf jeden Fall länger zu tun.

Die negative Kritik, die es von vielen Seiten hagelt, ist meiner Ansicht nach teilweise überzogen und unfair. Vielleicht war auch die Erwartungshaltung bei manchen einfach zu hoch und wenn ich dann auch noch lesen muss, dass ein Autor eigentlich keine Schleichspiele mag, dann frage ich mich, warum er sich dann gerade dieses Spiel vorgenommen hat.

Lieber Garrett, lass Dich nicht unterkriegen!

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